Edith's Erinnerungen
an unseren Vater


Meine erste Erinnerung von meinem Vater war am Ende des Jahres 1945. Ich war 4 Jahre alt. Ich hatte meinen Vater vorher noch nie gesehen und ich kann mich nicht erinnern das ich jemals etwas über ihn gehört hatte. Jedenfalls kam er um den 6. November herum, Sankt Nickolaus Tag in Deutschland an. (An St. Nickolaus Tag kriegen Kinder die das ganze Jahr gut waren eine Wünschelrute voller Bonbons und Schokolade und böse Kinder bekommen Kohle oder so was ähnliches. Ich kann mich daran erinnern weil ich noch nie so viele Süssigkeiten bekommen hatte).
Mein Vater musste wohl von der Amerikanischen Kriegsgefangenschaft, die er in Italien verbracht hatte, entlassen worden sein und kam wärent der Nacht bei uns an. Als ich am nächsten Morgen aufwachte war meine Wünschelrute propen voll mit Bonbons. ( Unser Vater liebte schon immer Süssigkeiten und er musste die Bonbons wohl auf seinem Rückmarsch von Italien gespart haben damit er was für die Kinder zum mitbringen hatte).

Für mich war es sehr sonderbar als unsere Mutter uns sagte das das unser Vater ist und das er jetzt vom Krieg zurück gekommen ist. Ich hatte nämlich keine Ahnung was ein Vater war, da ja immer nur unsere Mutter und wir Mädchen zuhause waren.

Ich kann mich noch erinnern das Vati sehr geschickt war und alles machen konnte. In den mageren Kriegsjahren wenn niemand was kaufen konnte oder kein Geld dafür hatte machte uns unser Vater von Mutti's alten Leder Handtaschen, wunderschöne Sandalen. Sie sahen aus als ob sie in einem Geschäft gekauft waren. Jedenfalls dachten wir das sie wie vom Geschäft aussahen, da wir sie ja nicht mit neuen Sandalen vergleichen konnten.

Nachdem wir nach Frankfurt gezogen sind dachte ich immer das ich sehr Mode chic war. Ich musste immer die teuersten und besten Italienischen Schuhe haben, (die ich mir eigentlich gar nicht leisten konnte). Um diese Zeit gab ich einen ganzen Monatslohn für ein paar Schuhe aus. Nachdem ich mir diese tollen Schuhe für einen Monat im Schaufenster angeschaut hatte, konnte ich sie mir endlich kaufen und brachte sie stolz nach Hause und zeigte sie meinen Eltern. Mein Vater dachte natürlich nicht viel von diesen dünnen Italienischen Leder Schuhen und nachdem er sie ein paar mal gebogen hatte sagte er das es "Gelump" ist und das ich mein Geld verschwended hätte.
Natürlich hatte er recht, die dünnen Sohlen sowie Absätze waren nämlich nach einigen Monaten total abgelaufen (die Sohlen von den Absätzen waren die Breite von einem Bleistift).
Aber mein Vater der ja schon immer ein guter Schuster war, opferte sich auf diese Schuhe zu besohlen und neue Absätze drauf zu machen.
Das wurde eine lachende Sache.
Das Material für die Absätze bestand aus alten Fahrradgummireifen und nachdem ich eine Zeit darauf gelaufen bin wurden die Absätze immer breiter und jeden Tag musste Vati den überquellenden Gummi etwas abschneiden. Mit den Sohlen wurde es auch eine lustige Sache. Obwohl sie aus Leder waren, hatte Vati nur eine dicke von Leder gekauft die er für alle Schuhe verwended hatte. So meine dünnen Sohlen waren auf einmal einen halben Centimeter dick und ich fühlte mich als ob ich auf Platformen lief. Die um diese Zeit noch gar nicht in Mode waren.

Eine andere kleine Episode war das "Faschingskostüm". Helga und ich wollten zu einem "Faschingstanz" gehen, aber wir hatten natürlich nichts tolles und ausfallended zum anziehen. Helga, der Genius im Schneidern, hatte immer irgendwo ein Stück Stoff liegen oder sie nahm was altes das unserer Mutter gehörte auseinander. Jedenfalls am Nachmittag machte sie uns schnell ein paar tolle Kostüme. Natürlich hatte sie nicht viel Stoff für zwei Kostüme und somit waren diese Kostüme sehr mickerig.
Es waren eine Art "Playboy Bunny" Kostüme aus schwarzem Taft mit einer riessen grossen lila Schleife auf dem Po und um die Mitte rum. Lila Handschuhe die bis zum Ellbogen hoch gingen und riessen hohe Hacken. Als unser Vater diese Dinger sah, machte er sofort die Ofentür auf und wollte den ganze Schwung ins Feuer schmeissen. Aber unsere Mutter überzeugte ihn das Helga sehr lange daran gearbeitet hatte und er sowas nicht ins Feuer schmeissen kann. Nachdem er sich beruhigt hatte schlichen wir uns leise aus dem Haus.
Einige Jahre später hatten wir das selbe Problem mit einem Katzen Kostüm das wir wirklich nicht tragen durften. Aber wir brachten es doch zustande es aus dem Haus zu schmuggeln und zum Faschingsball zu gehen.

Mein Vater passte auch immer gut auf mich auf und an verschiedenen Anlässsen folgte er mir mit unserem Hund "Trolly" in die Stadt zu einem Club, wo ich mich mit Freunden verabreded hatte. Eines meiner beliebtsten Clubs war um diese Zeit das "Paradiso". Eines Tages als ich mit meinen Freunden im "Paradiso" sass, sah ich meinen Vater mit dem Hund zur Tür reinkommen. Ich wusste schon im voraus das er mich nach Hause schicken würde und mich wahrscheinlich vor meinen Freunden blamieren würde. Somit flutschte ich schnell unter den Tisch und wartete bis er wieder zur Tür rausging. Mein Vater und "Trolly" hielten noch kurz vor unserem Tisch an und da er mich ja nicht sehen konnte drehte er sich um und wollte gehen. Aber unser treuer Hund "Trolly" hat mich wohl gerochen und zog immer wieder zum Tisch zurück und ich musste ihn schupsen das er weg ging. Gott sei dank liess Vati sich von dem Hund nicht zu oft zurück ziehen und sie verliessen den Club. Sobald Vati aber zur Tür raus war bin ich gleich heim gegangen und war sogar vor ihm zu Hause.
Jahre später erzählte ich ihm ich diese Story und wir konnten darüber lachen.

Wir lachten auch viel über unserem Vater sein Photographieren. Er hatte eine alte sehr gute Kamera. Ich glaube es war eine Leica. Aber diese Kamera hatte kein Blitzlicht. So... jeden Weihnachten wenn Vati unser Familienbild aufnahm kaufte er dieses total altertümliche Blitzpuder, das man immer sieht wenn man sich Filme vom Wilden West anschaut. Dieses Puder kam in einem kleinen weissen Beutel mit einem Faden der unten raus hing. Diesen Faden musste man anzünden. Unser Vater hing diesen kleinen Beutel an dem Türrahmen im Wohnzimmer, dann stellte er die Kamera ein das er auch mit ins Bild kam, zündete den Faden an, und rannte ins Bild zu kommen. Das Problem war nur wenn der Beutel explodierte um einen Blitz zu machen, unsere Tapete sowie der Türahmen wurden total schwarz.

Das selbe passierte wenn Vati Wein aus seinen eigenen Weintrauben vom Garten machte. Er hatte diesen Brennapparat im Wohnzimmer weil der Gährungsprozez im warmen gemacht werden musste. Dieses Ding hatte eine komisch gedrehte Glassröhre wo der gurgelnde, göhrende Saft die ganze Zeit arbeitete. Ab und zu explodierte diese Glassröhre und Wein, Traubenmus und Glass flogen an die Wohnzimmer Wände. Unsere Mutter wahr von der ganzen Sache nicht sehr erbaut.

Die am meisten berührende und ergreifende Episode mit meinem Vater kam als ich nach Amerika auswanderte. Wie immer stand mein Vater früh morgens auf um zur Arbeit zu gehen. Er sagte "Auf wieder sehen" zu mir, als ob er mich am Abend wieder sehen würde. Ich war enttäuscht das er mich nicht in den Arm genommen hat und mich gedrückt hätte. Aber das war unser Vater, er konnte so Schmuserei nicht zeigen. Jedenfalls ging er dann zur Arbeit.

Mein Flug von Frankfurt nach Amerika ging erst um 10:00 Uhr morgens. In der Zwischenzeit hatte ich alle meinen Geschwistern und meiner Mutter verboten mit nach dem Flugplatz zu gehen. Ich wusste das es sonst Heulerei geben würde.

Wenn es endlich Zeit war zu gehen nahm ich den Bus zum Flugplatz und war gerade dabei meinen Koffer abzugeben als ich eine bekannte Stimme hinter mir hörte die meinen Namen rief. Es war mein Vati der gar nicht zur Arbeit gegangen ist sondern von zu Hause entweder per Bus oder Strassenbahn zum Flugplatz gefahren ist um mich noch einmal zu sehen. Nun gab es natürlich viele Tränen. Aber ich werde nie vergessen was für ein gutes Gefüehl es war das mein Vater mich doch liebte aber es nur nicht zeigen konnte.

Jahre später nachdem unser Vater uns in Amerika besuchte lernte ich meinen Vater erst richtig kennen. In den 18 Jahren die ich in Deutschland lebte hatte ich nie gesehen was ein gutherziger und lustigster Mensch unser Vater war.
Die Besuche nach Amerika hatten ihm sehr gut gefallen.

Pete hatte die Gelegenheit Vati zu einer Golf Driving Range zu bringen wo er einige Golfbälle hauen konnte und danach gingen wir zu einem kleinen Golfplatz zum Golf spielen. Das hatte Vati sehr imponiert. Pete kaufte ihm einen Golfschläger den er mit viel Stolz nach Hause nahm und seinen Gartennachbarn freudig gezeigt hat.
Einige Sachen ihn Amerika gefiehlen unserem Vater nicht. Eins war das es kein gescheites Brot gab, das andere das unsere riessen Rasen nur Grass hatten und wir kein Gemüse drauf plantzten und das unser Strassen system nicht viereckig gebaut ist. Das letzte hatte er gemerkt als er eines Tages mal spazieren ging und sich verlaufen hatte. Er ging eine Strasse hoch dann um die Ecke und die andere Strasse runter im viereck und dachte somit müsste man ja wieder das Hause finden. Aber das funktionierte hier nicht und es dauerte einige Stunden bis er die selbe Strecke wieder zurück laufen musste da er sich auch nicht mehr an die Adresse erinnern konnte.

In einem Stuhl zu sitzen war nie unserem Vater seine beste Seite. Er war immer am wurschteln. So als er hier auf Besuch kam fragte er dauernt was er machen könnte, nämlich nur zu sitzen war für ihn zu langweiling. Somit hackte er einen Tag all unser Holz weg, das schon Jahre gelegen hatte und am nächsten Tag mörtelte er uns den ganzen Kamin der schon so langsam aber sicher auseinander fiel.

Das beste das man mit diesen Erinnerungen von vergangenen Zeiten raus finded ist das für uns unser Vater nicht tot ist. In diesen Stories lebt er für uns immer wieder.

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